Das Buch

Ein Erzbischof wird im Wald erschlagen. Ein Torfstecher findet eine Leiche im Moor. Eine Lehrerin wird von einem Verehrer verfolgt, bis er sie in der Bauerschaftsschule aufspürt und ein Messer zückt.

Von rund 30 historischen Kriminalfällen vom Land berichtet dieses Buch. Der Autor Gisbert Strotdrees, Historiker und Journalist, hat dafür Gerichtsakten, Dorfchroniken und Verhörprotokolle gewälzt.

Die Fälle hat er als Artikelserie im Landwirtschaftlichen Wochenblatt Westfalen-Lippe veröffentlicht. Für das Buch sind sie überarbeitet und erweitert worden. So wurden Originaldokumente hinzugefügt, außerdem Karten und Foto-Illustrationen.

Die Fälle im Buch haben zweierlei gemeinsam:

Sie haben sich auf dem Land, in Dörfern oder Bauerschaften ereignet.
Nichts ist erdacht. Alle Fälle haben sich tatsächlich zugetragen!

Dieses Buch stellt einige der brisantesten Kriminalfälle aus sieben Jahrhunderten in Deutschlands Nordwesten vor. Der älteste Fall spielt im Wald – und der jüngste auch: Dazwischen liegen rund 750 Jahre.

Der älteste Fall ... trug sich 1225 in einem Hohlweg bei Gevelsberg zu: Dort wurde der seinerzeit zweitmächtigste Mann im Reich, Erzbischof Engelbert von Köln, ermordet. Der Gottesmann wurde Opfer eines Adelskomplotts und des Machtstrebens eines entfernten Verwandten namens Dietrich von Isenberg. Der ließ den Erzbischof seinerseits zum „entfernten Verwandten“ werden – und das in einem sehr wörtlichen Sinne.

Die Jagd auf den Erzbischof und dessen Ermordung stellte sich ein Künstler des 19. Jahrhunderts sehr dramatisch vor. Foto: LWL-Bodendenkmalpflege

Der jüngste Fall ... spielt in den Wäldern irgendwo zwischen Dümmer und Diemelsee. Dort hielt sich 1966/67 „der Waldmensch“ versteckt. So jedenfalls nannten ihn die Boulevardblätter mit den großen Buchstaben. Mit bürgerlichem Namen hieß der Gesuchte Bruno Fabeyer. Nachts überfiel er Bauernhöfe und einsam gelegene Wohnhäuser, dann schlug er sich wieder in die Wälder. Im Februar 1966 erschoss Fabeyer sogar einen Dorfpolizisten. Die Polizei dreier Bundesländer fahndete nach ihm. Erst nach 573 Tagen wurde er in Kassel festgenommen. Warum brauchte die Polizei so lange? Ihr Cheffahnder hat die Pannen später ohne Scheu vor Selbstkritik offengelegt. Auch das ist Teil des „Tatortes Dorf“.

Die Festnahme von Bruno Fabeyer landete auf den Titelseiten der Tageszeitung – hier ein Ausschnitt aus der Ibbenbürener Volkszeitung – Anzeiger für den Kreis Tecklenburg. Foto: Strotdrees / Archiv IVZ Ibbenbüren

Und dazwischen? Raubritter – eine Beinahe-Bischofsmörderin – ein Messerkerl – zwei schreiende Steine – Plünderer und Vergewaltiger – Bierbrauer, die Steuern hinterziehen – eine Frühjahrsrüge – Worte als Waffen – Rauf- und Ehrenhändel einer Familie – ein geheimnisvolles „Protocoll van Dodtslegern“ – ein Degenduell auf dem Domplatz zwischen Sturkopf und Dickkopf – der „Judenbuchen-Mörder“ – Schmuggler und Wilddiebe – Pistolenschüsse auf dem Pachthof – Hellseherinnen, die einen Mord aufklären (wollen) – Drahtseil-Attentate gegen die ersten Automobile – eine Moorleiche – ein Mörder, der zum Opfer wurde – das rätselhafte Verschwinden einer Goldmonstranz – Schwarzschlachter vor furchtbaren Richtern – ein Bauer als „Staatsfeind“

Wer mehr wissen will: Hier klicken zum Inhaltverzeichnis des Buches (PDF)

Ein-Satz-verbrechen

Historische Quellen zu entziffern ist manchmal mühselig. Doch sie können spannender sein als ein Krimi.

Aus dem Schulunterricht kennt das jeder: Historische Dokumente können sehr, sehr langatmig sein. Das Gegenteil trifft aber auch zu. Manchmal findet sich in Originalquellen ein Satz (oder auch ein kurzer Absatz), der in Abgründe blicken lässt. Hier sind einige solcher Ein-Satz-Verbrechen aus dem Buch „Tatort Dorf“:

„Ach Vater, wie konts dein Hertze leiden, daß du mir thatest den Hals abschneiden und begingest an mir an diesem Ord so ein grausame unerhört Mort. Anno 1660.“
Inschrift auf einem Gedenkstein bei Bielefeld 1660

„Weil sich die Gastwirtin gewehrt hat, haben sie ihr die Leber und Lunge durchgestochen, die Milz fünf Mal und die Brust zehn Mal, ihr noch acht Wunden hin- und wiedergegeben und ihr dann auch den Goldfinger zerschnitten.“
Aus dem ärztlichen Protokoll zum Überfall auf die Dorfwirtschaft „Ahmser Krug“ bei Salzuflen am 17./18. Juni 1724

„Mein Knecht wurde beim Schlempefahren von einem Automobil überfahren und starb nach 40 Tagen im Krankenhause an seinen Verletzungen. Das betreffende Automobil ist nicht erkannt. Wer trägt nun die durch den Unfall entstandenen Kosten, welche sich auf rund 100 Reichsmark belaufen?“
Frage eines Landwirts an die Landwirtschaftliche Zeitung für Westfalen und Lippe im Februar 1908

„Ich habe mit meinem vollen Gedanken die Magd und den Bauern erschossen aus Rache, dass ich ging mit Marie Ammermann und das wollte der Bauer nicht haben. Und dann ist sie mir untreu geworden und dann hat mich der Bauer gestern weggeschickt, und nun sitze ich hier ohne Geld. Schreibt meiner Mutter, dass sie mir alles verzeihen müsse. Jetzt will ich auch sterben, ich will mein eigener Richter sein.“
Brief von Steffen Jonkman, geschrieben am 12. Januar 1910 in Münster, nachdem er wenige Stunden zuvor auf den Bauern Große Kleimann geschossen und die Dienstmagd Marie Ammermann erschossen hat.

„Die Mutter hat seinerzeit beim Wildern ihre eigene Tochter erschossen und hat dann, um Selbstmord vorzutäuschen, ihre Tochter im Kleiderschrank erhängt.“
Der preußische Oberförster Scius in Bredelar über die Familienverhältnisse eines Wilddiebs, 16. Februar 1933

Der Autor


Foto: Merle Weidemann

Gisbert Strotdrees hat Geschichte, Germanistik und Pädagogik in Münster und Bielefeld studiert und arbeitet seit 1988 als Redakteur beim Landwirtschaftlichen Wochenblatt Westfalen-Lippe. Außerdem ist er seit 2003 Lehrbeauftragter an der Universität Münster. Er hat mehrere Bücher zur Geschichte der Landwirtschaft und der ländlichen Gesellschaft verfasst.

Höfe, Bauern, Hungerjahre.
Aus der Geschichte der westfälischen Landwirtschaft 1890–1950
Landwirtschaftsverlag, Münster-Hiltrup 1991

Fremde in Westfalen, Westfalen in der Fremde.
Zur Geschichte der Ein- und Auswanderung von 1200 bis 1950.
Landwirtschaftsverlag, Münster-Hiltrup 1996

Es gab nicht nur die Droste.
Sechzig Lebensbilder westfälischer Frauen. Landwirtschaftsverlag, Münster-Hiltrup 1992, zweite Auflage 1997.

Wolfgang Schiffer – Bauern-Bilder.
Fotografien aus 50 Jahren Landwirtschaft.
Herausgegeben gemeinsam mit Heinz-Günter Topüth.
VerlagsUnion Agrar (Landwirtschaftsverlag, Münster-Hiltrup/ BLV, München/DLG, Frankfurt am Main) 2001 (5. Auflage 2009)

Hofgeschichten.
Westfälische Bauernhöfe in historischen Porträts.
Landwirtschaftsverlag, Münster 2003

Wolfgang Schiffer – Bäuerinnen-Bilder.
Fotografien aus 50 Jahren Land- und Hauswirtschaft.
Herausgegeben gemeinsam mit Josef Mangold.
Landwirtschaftsverlag, Münster 2008

Drei Kinderbücher – gemeinsam mit Gabi Cavelius (Illustration):

Was brummt da auf dem Bauernhof?
Technik in der Landwirtschaft - für Kinder leicht erklärt.
Landwirtschaftsverlag Münster 2000. 10. Auflage 2012, Übersetzungen in den Niederlanden, Frankreich, England, Schweden und Polen.

Was dreht sich da in Wind und Wasser?
Energie aus der Natur – für Kinder leicht erklärt.
Landwirtschaftsverlag Münster 2003. 2. Auflage 2012. Übersetzungen in Frankreich, Südkorea und Schweden.

Was ackert da auf Hof und Feld?
Alles über Traktoren – für Kinder leicht erklärt.
Landwirtschaftsverlag Münster 2008

Lesungen

Termine

– Zur Zeit keine Termine –

Online

Lesung aus dem Buch "Tatort Dorf":
"Die Macht des Gerüchts und der Vorurteile.
Enniger, 22. April 1873 – Die Ermordung Elisabeth Schüttes und die ›Judenkrawalle'".
Ein Angebot des Kulturamtes Münster
Zur Lesung: www.muenster.de/stadt/kulturamt/literaturline-archiv_strotdrees.html

Uni-Schreibprojekt

Dieses Buch hat eine besondere Vorgeschichte. Denn bevor der Autor seine Recherchen im Wochenblatt veröffentlicht hat, waren Studierende der Universität Münster mit ihrer Sicht auf den „Tatort Dorf“ gefragt. Gisbert Strotdrees und Prof. Dr. Werner Freitag vom Historischen Seminar der Universität Münster haben ein Schreibseminar geleitet. Dabei war es die Aufgabe der Studierenden, das Thema „Historische Kriminalität auf dem Land“ auf ihre Weise zu beleuchten. Ihre Beiträge sollten wissenschaftlich fundiert, lesbar und allgemein verständlich sein.

Die Texte der Studierenden erschienen 2012 im Landwirtschaftlichen Wochenblatt Westfalen-Lippe und sind hier vollständig dokumentiert.